, Fiorenzo Molinari und Gusti Gersbach

Im Gedenken an Carl Miville-Seiler

Im Gedenken an Carl Miville-Seiler 26.07.1921-18.07.2021

Aadie Carli. «Fast hätte er noch seinen 100. Geburtstag feiern können – doch dann hat es der frühere Basler Ständerat und SP-Politiker Carl Miville doch bei der Zahl 99 bewenden lassen», so steht’s im neusten Akzentmagazin, Ausgabe Oktober 2021.

Anlässlich der unvergesslichen, beeindruckenden und wunderbaren Gedenkfeier am 12. August 2021 im Basler Münster, durften auch wir Liedertäfler uns von unserem sehr geschätzten Freund und Ehrenmitglied Carl Miville-Seiler verabschieden.

Neben seinem umfangreichen politischen und beruflichen Wirken, pflegte Carl Miville gern auch seine gesellschaftlichen Beziehungen und ganz besonders auch diejenige zur Basler Liedertafel. 1983 ermunterte Mäni Schudel, sälig, Carl Miville dazu, der Liedertafel beizutreten und als Fördermitglied die Aktivitäten zu geniessen. Und das tat er sehr gern und intensiv. Es gab kaum ein Konzert, bei dem wir ihn nicht im Publikum erkennen konnten. Ganz besonders aber hatten es ihm die jährlichen Benefizkonzerte angetan. Während der Ära André Charlet (1965- 1993) war der Hymnus „Christus Vincit, von Carlo Boller“ ein fester Bestandteil der Liederkonzerte und für Carli „ein absolutes Must“. Ohne ging‘s bei Carl nicht, und wenn es sein musste mit heftigem Ausruf «Zugabe». Das waren bezaubernde Momente für ihn und für uns Sänger. Und so durften wir seinem Wusch folgend, uns mit einem andächtigen und kräftigen Christus Vincit von Carli im Basler Münster verabschieden.

So wie er die Konzertbesuche schätzte, freute er sich auch auf unsere Cäcilien- und Weihnachts-feiern. Da gab es viel zu besprechen mit seinen Tischnachbarn, z.B. mit Marc Ringier über die Hugenotten im Allgemeinen und ganz besonders über die in Basel Ansässigen. Oder mit Fiorenzo Molinari über den gemeinsamen Opernbesuch im Stadttheater und die laufenden Konzertreihen in Basel. Im Notfall auch über Gott und die Welt. Zum Jahresabschluss lädt die Liedertafel zur traditionellen Weihnachtsfeier. Da war Carl mit Leib und Seele, noch bis zuletzt auch mit Rollator, gerne dabei. Besonders wenn sich die Kinder und - solche die es gern auch noch sein möchten - sich zum „Värsli-Vortrag“ einstellten fehlte Carl nicht. Ein ad hoc hergezaubertes Värsli war seine Spezialität. Selbst in vorgerückter Stunde konnte er damit die ganze Gesellschaft in seinen Bann ziehen.

S’Värsli vom Carli an der Wienachtsfyyr 2019 eifach esoo usem Ermel gschüttlet!

I muess Dir brichte, was mi bloggt und au verwunderet:
Jetz bin y gopferdeggel nume no zwai Joor ewägg vo hundert.
Jetz chasch begryffe, worum ych so froo bi,
ass ych a däre Liedertaafele-Wiehnacht also no doo bi.
 
S isch au nit s Alter, wo y due beglaage.
Wäg dr Political Correctness darfsch bald nyt mee saage.
Was die do letschti verbotte hänn, s’isch  allerlai:
Vo Negro Rhygass über Moorekopf bis Maitlibai.
 
So het my Dichterrössli Pegasus zue mir gsait: uff jede Fall
Gang du zer Liedertaafle – ich blyyb im Stall.
Jetzt bin y ohni Dichter-Loorbeer um dr Grind doo aane koo.
Dir, liebe Santiglaus, saag y wieso;
 
I fiel mi syt Joorzäänt verbunde mit däm Chor,
Und do im Saal het’s Lüt, die kenn und schetz y scho syt vyyle Joor.
Drum winsch ych däre Liedertaafele nume s‘Bescht,
und Dir und alle Lyt doo inne, e freelig Wienachtsfescht.

Kommentar des Redaktors: Einfach toll. Was mich aber erst richtig aus den Socken warf, war seine Antwort auf meine Bitte, mir doch den Text seines Verses zur Publikation zu überlassen: «Dänn mues i das aber z’erscht no ufschriibe». Carli feierte 2018 seinen 97 Geburtstag!

Carl Miville und Fiorenzo Molinari pflegten eine ganz besondere Beziehung. Der erste Basler Stän-derat an einer Cäcilienfeier war 1986 Carl Miville und schuld daran war Fiorenzo. Der damalige Regie-rungsrat Remo Gysin, zu dem Fiorenzo eine gute Beziehung hatte, ermöglichte die ersten Kontakte zu Carl Miville und die erste Einladung zu diesem Anlass. Ein Jahr später war Carl Miville erneut zur Cäcilienfeier geladen. Während dem Apéro im Hotel Hilton bot er Fiorenzo das „Du“ an. Das war der Beginn einer über dreissigjährigen Freundschaft der beiden Familien. In beiden Familien wurde gern gekocht und gut gegessen. Das eine mal am Rennweg in Basel und umgekehrt in Binningen bei Molinaris. Ein Gästebuchauszug vom 16. Januar 1988 bezeugt dies.

Da Carl liebend gerne Gäste um sich hatte, arrangierte ich für ihn eine besondere Begegnung zwischen Carls polnischer Betreuerin Irene und unserem Sänger Mietek Przewrocki (Jahrgang 1921!) der 1938 mit 17 Jahren aus Polen auswanderte und seither nie mehr in seiner Heimat war. Jetzt konnte er sich mit Irene ausgiebig über ihre gemeinsame Heimat austauschen. Carl freute sich sehr über diese Begegnung.

Kultur verbindet und so begegneten sich Mivilles und Molinaris regelmässig im Theater Basel. Oft wurde nach den Vorstellungen in der Kunsthalle über das Erlebte lebhaft diskutiert. Dabei lernte Fiorenzo Mivilles Tochter Cathérine kennen, die als junge Regieassistentin am Theater Basel während der Ära Werner Düggelin und Hans Hollmann engagiert war, bevor sie für die Münchner Lach– und Schiessgesellschaft nach München weiterzog. Seit 2002 ist Frau Cathérine Miville Intendantin des Stadttheaters Giessen. Jetzt nach 10 Jahren wird diese Aufgabe im Sommer 2022 neu besetzt und Cathérine Miville kann neue Herausforderungen anstreben. Zusammen mit Cathérine Miville hatte Fiorenzo für den 26.07.2021, dem bevorstehenden 100jährigen Geburtstag, ein „Ständeli“ an Carls Wohnort vorbereitet.   Leider kam es nicht mehr dazu. Dafür leistete Cathérine grosse Hilfe als Bindeglied zwischen der Erbengemeinschaft, Veranstalter und Akteuren bei der grossen Abschiedsfeier am 12. August 2021 im Münster zu Basel. Dafür unseren allerbesten Dank!!!

Carl bescherte der Liedertafel und uns eine so unglaubliche Geschichte die uns forderte, an der wir teilnehmen durften, die immer in unseren Gedächtnissen haften bleibt und an die wir mit Freude und Wehmut immer wieder erinnert werden.

Dafür, lieber Carl, danken wir Dir von ganzem Herzen.

Fiorenzo Molinari und Gusti Gersbach